© 1998 - 2009 Wolfgang Neundorf
Stand:12.04.2009

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Der Autor
Worum es geht

“Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!”

Immanuel Kant

1724 - 1804

 

Isaac Newton

1643 - 1727

Sokrates 470 - 399 v. Ch.

&

Karl Popper 1902 - 1994

Immanuel KantAufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Issac NewtonWas wir wissen ist ein Tropfen - was wir nicht wissen ein Ozean.

Ich weiß nicht, wie ich der Welt erscheinen mag, aber mir selber komme ich nur wie ein Junge vor, der am Meeresstrande spielt und sich darüber freut, dass er ab und zu ein ungewöhnlich buntes Steinchen oder eine rote Muschel findet, während sich der große Ozean der Wahrheit in seiner unwermesslichen Unerforschtheit vor ihm ausdehnt.

SokratesIch weiß, dass ich nichts weiß

Karl PopperIch weiß, dass ich nichts weiß - und kaum das.

 

Die Krise der Physik

Die Physik in der Krise - oder die Krise der Physik. Das Thema kann auf ein stolzes Alter von etwa einhundert Jahren zurückblicken. Und weil dieses Thema so betagt ist, ist es auch kein Thema mehr - jedenfalls kein aktuelles.
Oder etwa doch?
Frage: Konnte die Krise der Physik, so es denn eine gab, überwunden werden? Irgendwie gelten die Wissenschaften als etwas, was manch naive Seele mit dem rationalen Denken assoziiert. Tatsächlich jedoch haben die Wissenschaften - und damit vor allem die Physik - in Wahrheit mehr mit Autoritäten zu tun. Diese Aussage ist so umwerfend neu nun auch wieder nicht, trotzdem sei mir vergönnt, auf diesen Umstand auch an dieser Stelle hinzuweisen. Doch zunächst ein kleiner Abstecher in die Vergangenheit. Ein paar Jahre liegt dies derweil schon zurück. So beschrieb Galileo Galilei 1632 eine recht interessante Begebenheit.

Galileo Galilei
Galileo Galilei 1564 - 1642

Ich befand mich eines Tages im Hause eines in Venedig sehr angesehenen Arztes, wohin öfters Leute kamen, teils aus Neugier, um eine Leichensektion von der Hand eines ebenso wahrhaft gelehrten, wie sorgfältigen und geschickten Anatomen ausführen zu sehen. Diesen Tag nun geschah es, dass man den Ausgangspunkt der Nerven aufsuchte, welches eine berühmte Streitfrage zwischen den Ärzten aus der Schule des Galen und den Peripatetikern ist. Als nun der Anatom zeigte, wie der Hauptstamm der Nerven, vom Gehirn ausgehend, den Nacken entlang zieht, sich durch das Rückgrad erstreckt und durch den ganzen Körper verzweigt, und wie nur ein ganz feiner Faden von Zwirnsdicke zum Herzen gelangt, wendete er sich an einen Edelmann, der Ihm als Peripatetiker bekannt war und um dessentwillen er mit außerordentlicher Sorgfalt alles bloßgelegt und hatte, mit der Frage, ob er nun zufrieden sei und sich überzeugt habe, dass die Nerven im Gehirn ihren Ursprung nehmen und nicht im Herzen. Worauf unser Philosoph, nachdem er ein Weilchen in Gedanken dagestanden, erwiderte: Ihr habt mir das alles so klar, so augenfällig gezeigt - stünde nicht der Text des Aristoteles entgegen, der deutlich besagt, der Nervenursprung liege im Herzen, man sähe sich zu dem Zugeständnis gezwungen, dass Ihr Recht habt.
[Hervorhebung W.N.]

Diese Anekdote hat einiges für sich. Man kann sich so schön darüber lustig machen, wie grenzenlos autoritätsgläubig - sogar intelligente und gebildete - Menschen seinerzeit gewesen sein mussten. Wir stehen über den Dingen, weil uns die Wahrheit zur Selbstverständlichkeit wurde. Für die Probleme der Geistesgrößen von vor einigen hundert Jahren, haben wir nur ein erhaben-mitleidiges Lächeln übrig.

Man kann jedoch auch etwas nachdenklicher reagieren. Denn es ist nicht auszuschließen, dass unsere Nachkommen dereinst unsere heutige Ignoranz recht amüsant finden könnten. Es liegt nämlich die Vermutung nahe, dass unsere Überlegenheit gegenüber den Menschen der Vergangenheit eine dermaßen gigantische Überlegenheit in Wahrheit eben nicht ist. Zwar wissen wir ein klein wenig mehr als man vor 400 Jahren wusste; aber mehr begriffen haben wir möglicherweise nicht. Mit solchen und ähnlich gelagerten Inhalten möchte ich mich in den folgenden Texten etwas näher befassen. Doch zunächst ein weiteres Zitat. Diese Zeilen stammen von Immanuel Kant:-

Immanuel Kant
Immanuel Kant
1724 - 1804

Es ist eben nicht so was Unerhörtes, dass, nach langer Bearbeitung einer Wissenschaft, wenn man wunder denkt, wie weit man schon darin gekommen sei, endlich sich jemand die Frage einfallen läßt: ob und wie überhaupt eine solche Wissenschaft möglich sei. Denn die menschliche Vernunft ist so baulustig, dass sie mehrmalen schon den Turm ausgeführt, hernach aber wieder abgetragen hat, um zu sehen, wie das Fundament desselben wohl beschaffen sein möchte. Es ist niemals zu spät, vernünftig und weise zu werden; es ist aber jederzeit schwerer, wenn die Einsicht spät kommt, sie in Gang zu bringen.“

Diese Aussagen muten doch recht aktuell an. Oder?

Ignoranz war mit Sicherheit nicht das Privileg der Menschen vergangener Jahrhunderte. Und die Autoritätsgläubigkeit ersetzt auch heute oft das eigene Denken. Das ist einfach und bequem. Hier nämlich gibt es ein weiteres Problem: Jede „gesellschaftliche Struktur“ hat ihren (ihre) „Säulenheilige(n)“. Den „Heiligen“ der Physiker kennt wohl jeder. Wie auch immer man zu dessen Leistungen stehen möge - kein Mensch ist unfehlbar, und Einstein war ein solcher -, so gibt es doch einige Besonderheiten in seiner Biographie, die aus heutiger Sicht stutzig machen müssten. Einsteins Verhalten war nie sonderlich karrierebewusst. Auf eine Assistentenstelle hoffte er zunächst vergebens. So war er denn froh, als er im Patentamt in Bern eine Anstellung fand. Und jetzt stelle man sich vor, dass ein unbekannter Angestellter eines Patentamtes es wagte, einen Aufsatz in einem renommierten Publikationsorgan der hehren Wissenschaft Physik veröffentlichen zu wollen! Und nun stelle man sich ebenfalls das schier Unvorstellbare vor (heutzutage undenkbar), ihm gelang das Vorhaben, ab 1903 in den „Annalen der Physik“ einige Aufsätze zu veröffentlichen zu veröffentlichen! Insbesondere waren es die drei Beiträge des Jahres 1905, die wesentlich den Verlauf der Entwicklung der Physik bestimmen sollten (Damit wird absolut nichts über die Qualität dieser Arbeiten ausgesagt.) Tatsache ist: Einstein hätte heute, unter vergleichbaren Bedingungen, möglicherweise nicht die geringste Chance, auch nur eine Zeile zu publizieren! Gerade ihm werden - ob immer zu Recht oder auch nicht, das sei dahingestellt - Eigenschaften zugesprochen, die ihm heutzutage jegliche „seriöse“ wissenschaftliche Betätigung unmöglich machen würden. Der Aufsatz „ Über einen die Erzeugung und Verwandlung des Lichtes betreffenden heuristischen Gesichtspunkt“ (Ann. d. Phys. (1905) 132) würde heute in keiner Fachzeitschrift erscheinen! Das ist so gut wie sicher! Ist das nicht seltsam?!

    Und dies war auch die Arbeit, für die Einstein mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Korrekt: “für seine Verdienste um die theoretische Physik und insbesondere für seine Entdeckung des Gesetzes für den photoelektrischen Effekt.”

Zugegeben, das ist Spekulation. Jedoch bin ich in der Lage, eindeutig die Frage danach zu beantworten, was bei der physikalischen Forschung herauskommen wird, wenn es dort weiterhin so zugeht, wie es heutzutage nun einmal in einer Wissenschaft zugeht. Der Aufwand wird immer größer und die Ergebnisse werden immer bescheidener, so man überhaupt noch von Ergebnissen im Sinne von Erkenntnissen sprechen kann. Der bekannte „kreißende Berg, der eine Maus gebiert“, gibt, damit verglichen, das Musterbeispiel ab für einen überaus effizienten Vorgang. Um solches aber belegen zu können, muss man sich mit einigen konkreten Problemen befassen. Daraus ergeben sich beispielsweise folgende Fragen:

  1. Was eigentlich ist Erkenntnis?
  2. Welche Wahrheitskriterien objektiver Art überhaupt können für Hypothesen und Theorien herangezogen werden?
  3. Welchen objektiven Gesetzmäßigkeiten unterliegt der Erkenntnisprozess selbst? Nähern wir uns tatsächlich der Wahrheit? Was bedeutet „Wahrheit“ im wissenschaftlichen Sinne?
  4. Bildet der heutige Aufwand in der Forschung wirklich die objektiven Erfordernisse ab?
  5. Betrachten wir den Verlauf der historischen Entwicklung der Physik, so drängt sich die Frage auf: Ist dieser konkrete Verlauf tatsächlich auch ein Spiegelbild der objektiven Beziehungen; oder sind andere Verläufe mit anderen Ausgangspositionen und anderen Ergebnissen überhaupt denkbar?
  6. Bilden unsere bisherigen Kenntnisse überhaupt die Voraussetzung, die empirischen Befunde der Experimentalphysik einigermaßen sinnvoll interpretieren zu können?

Die Erfolge der Physik

Auf große Erfolge können Wissenschaft und Technik wahrhaft verweisen. Und man ist stolz auf diese Erfolge. Wäre dem nicht so, dann müsste man schließlich keinen einzigen Gedanken darauf verschwenden, wie es um die Physik als Wissenschaft denn eigentlich bestellt sei. Letztendlich um jenes Problem geht es, zu bewerten, ob der zur Zeit betriebene Aufwand in der physikalischen Grundlagenforschung irgendwie sinnvoll ist - sinnvoll in jenem Sinne, dass der damit einhergehende Erkenntnisgewinn tatsächlich auch als solcher bezeichnet werden darf. Allgemeiner gefragt: Welche Wahrheitskriterien für die Bewertung von Erkenntnissen gelten in der Physik, und welche Aussagen dürfen als Erkenntnisse angesehen werden. Sind empirische (quantitative) Verifizierbarkeit von Hypothesen und Theorien sowie deren praktische Nutzanwendungen in Technik und Gesellschaft bereits hinreichende Wahrheitskriterien, oder sind sie bestenfalls notwendige? - Für den Pragmatiker („Die Hauptsache ist der Effekt“) sind solche Fragen irrelevant.

Nehmen wir als Beispiel die gigantischen Anlagen der Hochenergiephysik, mit denen die Physiker immer wieder neue „Teilchen“ entdecken werden und neue „Gesetzmäßigkeiten“ über die „Bausteine der Materie“ herauszufinden erhoffen. Schon die Frage nach Sinn und Unsinn solcher Vorhaben wird durch die bloße Existenz dieser Anlagen selbst als sinnlos erkannt. Allein die Tatsache, dass Teilchenbeschleuniger und Speicherringe tatsächlich existieren und auch wirklich funktionieren , lässt jeden Zweifel an den bestehenden physikalischen Theorien als ganz und gar unbegründet, abwegig und völlig überflüssig erscheinen! Um solches Experimentiergerät überhaupt bauen zu können, ist ein enormes physikalisches Wissen erforderlich, welches zudem in einem technologischen Know-how („Handlungsanweisungen“) mündet, das kein halbwegs vernünftiger Mensch infrage stellen kann. Und auf dem bereits als unumstößlich richtig erkannten Wissen bauen alle neuen Fragen auf, die durch neue und immer aufwendigere Experimente beantwortet werden sollen.

Für denjenigen, der einen derartigen pragmatistischen Standpunkt einnimmt, ist dieser Text nicht gedacht. Argumente haben bei solchen Leuten nicht die geringste Chance! Wenn man bedenkt, dass der kleinste Hinweis auf die Fragwürdigkeit auch nur einer einzigen physikalischen Aussage unüberschaubare Konsequenzen hat, so ist es durchaus verständlich, dass diejenigen, die voll in Lehre und Forschung integriert sind, solche Hinweise ignorieren „müssen“ . (Ich unterstelle nicht einmal bösen Willen.) Die gesellschaftlichen Auswirkungen wären katastrophal, jedenfalls für diejenigen, die es mittel- und unmittelbar betrifft. Der „Industriezweig“ Lehre und Forschung mit allen „Zulieferern“ und „Konsumenten“ wäre betroffen und die Folgen unabsehbar. Zweifel ist erlaubt - aber nur solange keine Einzel- und Gruppeninteressen tangiert werden! Dies kann durchaus als Binsenweisheit gelten. Auch die Geschichte lehrt uns - wenn wir denn überhaupt Lehren annehmen wollen und können -, dass „gesellschaftliche Strukturen“ irgendwann nicht mehr beherrschbar sind. Die Vernunft können wir dann vergessen! Das Irrationale gewinnt die Oberhand. Hier unterscheiden sich religiöse, wirtschaftliche, politische und sonstige Systeme überhaupt nicht voneinander. Auch die institutionalisierte Wissenschaft verfolgt nur ein einziges objektives Ziel: die Tätigkeit derer, die Bestandteil solcher „gesellschaftlichen Strukturen“ sind, zu legitimieren (womit über die individuelle Motivation des Einzelnen absolut kein Urteil gefällt wird).

Die Wissenschaft dient - objektiv - nicht mehr dem Zweck der Erkenntnisgewinnung, sondern nur noch sich selbst! In diesem Zusammenhang darf man es mit der Logik und dem Rationalen nicht mehr gar zu genau nehmen. Und dass dies zu allem Überfluß auch noch die Physik als die fundamentale exakte Naturwissenschaft - Vorbild für alle anderen Naturwissenschaften - betrifft, ist Grund genug - für einen Außenstehenden jedenfalls - sich gehörig darüber zu wundern.

 

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