Der Pygmalion-Effekt

© 1998 - 2009 Wolfgang Neundorf
Stand:12.04.2009

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Wenn Bilder zu leben beginnen

Georg Bernhard Shaw

Eigenartig ist es schon. Viele wichtige Dinge geraten in Vergessenheit, und Nebensächliches bleibt im Gedächtnis haften - unauslöschlich. So kann ich mich an einen Film erinnern, vor Jahrzehnten als Kind im Kino gesehen, dessen Inhalt mir völlig entfallen ist. Auch weiß ich heute nicht mehr, war es ein Zeichentrickfilm oder ein Film, der sowohl Real- als auch Trickaufnahmen enthielt. An eines aber glaube ich, ganz deutlich mich zu erinnern: Zu Beginn zeichnete ein Kind ein Strichmännchen mit Kreide an die Häuserwand. Und dieses Männchen wurde, durch welch Wunder auch immer, zum Leben erweckt und spielte eine Hauptrolle in diesem Film.

 

Georg Bernhard Shaw
1856 - 1950

Wem dieser Kinderfilm zu kindlich erscheint, dem kann geholfen werden. Da lebte einst, in längst vergangenen Zeiten, ein König auf Zypern. Der hieß Pygmalion und schuf als begnadeter Künstler eine Statue aus Elfenbein. Nicht irgendein Mädchen stellte sie dar, sondern seine - allerdings sehr leblose - Traumfrau. So verliebt war der Künstler in sein Werk, dass Aphrodite ein Einsehen hatte mit dem armen Kerl und die elfenbeinerne Jungfrau zum Leben erweckte. (Göttinnen können und dürfen das. Die antike Mythologie hat immer etwas zu bieten, für jeden und für alle Lebenslagen.)

Zu einem völlig anderem (symbolischen) Leben schließlich verhalf der Ire George Bernard Shaw dem Helden Pygmalion in seiner gleichnamigen Komödie, welche ihrerseits die - etwas frei interpretierte - Vorlage abgab für ein nunmehr klassisches Musical. Doch kann die Leistung des Professor Higgins nicht mit den Fähigkeiten Aphrodites konkurrieren. Das „Ausgangsmaterial“ jenes Sprachforschers hieß Eliza und war von Anfang an äußerst lebendig.

Jetzt jedoch müssen wir den Weg zurückfinden von „My Fair Lady“ zur Physik. Dieser Weg ist kürzer als man glaubt.

Das grundlegende Verständnis von der Physik ist charakterisiert durch das Nebeneinander von Raum, Zeit, Materie, Bewegung und Wechselwirkung (als Ausdruck von Eigenschaften der Objekte) sowie das Nebeneinander von vier - zunächst voneinander unabhängigen - Wechselwirkungsformen. Alle Wechselwirkungen sind von der Anlage her statischer Natur.

Pygmalion (Ovid, Metamorphosen X 243-297)

Weil er diese gesehen ihr Leben verbringen in Unzucht, weil die Menge der Fehler ihn abstieß, die die Natur dem weiblichen Sinne gegeben, so lebte Pygmalion einsam ohne Gemahl und entbehrte gar lange der Lagergenossin. Weißes Elfenbein schnitzte indes er mit glücklicher Kunst und gab ihm eine Gestalt, wie sie nie ein geborenes Weib kann haben, und ward von Liebt zum eigenen Werke ergriffen. Wie einer wirklichen Jungfrau ihr Antlitz, du glaubtest, sie lebe, wolle sich regen, wenn die Scham es nicht ihr verböte. So verbarg sein Können die Kunst. Pygmalion staunt und faßt in der Tiefe der Brust die Glut für das Bild eines Leibes. Oftmals berührt er sein Werk mit der Hand und versucht, ob es Fleisch, ob Elfenbein sei, und versichert auch dann, kein Elfenbein sei es, gibt ihm Küsse, vermeint sie erwidert, spricht an und umfängt es, glaubt, seine Finger drückten dem Fleisch ihres Leibes sich ein und fürchtet, es mache der Druck das berührte Glied sich verfärben. Schmeichelworte sagt er ihm bald, bald bringt er Geschenke, wie die Mädchen sie lieben, geschliffene Steine und Muscheln, kleine Vögelchen auch und tausendfarbige Blumen, Lilien, farbige Bälle und die von den Bäumen getropften Tränen der Heliostöchter: auch schmückt er den Leib ihr mit Kleidern, gibt ihren Fingern den Ring, eine lange Kette dem Halse; zierliche Perlen hangen vom Ohr, auf der Brust ein Geschmeide. All das ziert sie, doch war sie auch nackt nicht weniger schön zu schauen. Er legt sie so auf die purpurfarbenen Decken, nennt sie Genossin des Lagers. er stützt ihren Nacken mit weichen, flaumigen Kissen und bettet ihn sanft, als ob er es fühle.

Wieder ist da der Tag der Venus, gefeiert im ganzen Cypern; das weite Gehörn vergoldet, waren die jungen Rinder. im weißen Nacken getroffen, niedergesunken; Weihrauch dampfte; Pygmalion trat, nachdem er geopfert, hin zum Altar: Vermögt ihr Götter alles zu geben", bat er schüchtern, so sei meine Gattin" - die Eifenbeinjungfrau' wagte er nicht und sprach - "meiner elfenbeinernen ähnlich. Venus, die goldene, die ihrem Feste zugegen, verstand wohl, was mit dem Wunsche gemeint; ein Zeichen der günstigen Gottheit, hob sich dreimal die Flamme und trieb in die Luft ihre Spitze.

Als er zurückkam, eilt er sogleich zu dem Bild seines Mädchens. wirft sich aufs Lager und gibt ihr Küsse. Sie schien zu erwarmen. Wieder nähert den Mund er, betastet die Brust mit der Hand, da wird das betastete Elfenbein weich, verliert seine Starrheit. gibt seinen Fingern nach und weicht, wie hymettisches Wachs im Strahl der Sonne erweicht, von den Fingern geknetet, zu vielen Formen sich fügt und, gerade genutzt, seinen Nutzen bekundet. Während der Liebende staunt, sich zweifelnd freut. sich zu täuschen fürchtet, prüft mit der Hand sein Verlangen er wieder und wieder. Fleisch ist's und Bein! Es pochen vorn Finger betastet die Adern. Worte aus voller Brust, mit denen Venus er danke, faßt der Paphier da. - Auf den Mund, der endlich ihn nicht mehr täuschte, preßt er den seinen. Die Jungfrau fühlte die Küsse, und sie errötete, sah, als empor zum Licht sie die scheuen Lichter erhob, zugleich mit dem Himmel den liebenden Jüngling.

Gnädig ist Venus der Eh, die sie selbst gestiftet, und als die Hörner des Mondes sich neunmal zum vollen Runde vereint, hat jene die Paphos geboren, nach der die Insel benannt ist.

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