Erkenntnistheoretische und methodologische Aspekte
- Erkenntnistheoretische Vorbemerkungen -

© 1998 - 2009 Wolfgang Neundorf
Stand:12.04.2009

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Wie auch immer, betrachtet man die konkrete Entwicklung der Physik in den vergangenen 100 Jahren, so kann durchaus zu einer pessimistischen Haltung unserer Erkenntnisfähigkeit gelangen. Es sei denn, man schraubt den Anspruch an die (hier physikalische) Erkenntnis so weit herunter, dass man sich mit einem pragmatistischen Standpunkt abfindet.

Bertrand Russel

Gibt es auf dieser Welt eine Erkenntnis, die so unumstößlich ist und gewiß ist, daß kein vernünftiger Mensch daran zweifeln kann? - Auf der ersten Blick scheint das vielleicht keine schwierige Frage zu sein, aber in Wirklichkeit hsndelt es sich um eine der schwierigsten, die es gibt. Wenn uns klar geworden ist, welche Hindernisse einer direkten und zuversichtlichen Antwort im Wege stehn, haben wir es in der Philosophie schon Stück weit gebracht. Die Philosophie ist nämlich nichts anderes als der Versuch, solche fundamentale Fragen zu beantworten, und zwar nicht gedabkenlos und dogmatisch zu beantworten, wie wir das im Alltag und selbst in der Wissenschaft oft tun, sondern kritisch, nachdem wir untersucht haben, was solche Fragen rätselhaft macht, und nachdem wir die ganze Verworrenheit und Verschwommenheit unserer normalen Vorstellungen erkannt haben. - Bertrand Russel

Bertrand Russel
1872 - 1970

 

Erkenntnistheoretische Aspekte - Vorbemerkungen

 

Es fällt schwer, sich mit dieser Problematik einigermaßen konstruktiv auseinanderzusetzen. Das liegt wohl daran, dass zwischen Philosophie und Naturwissenschaft eine bisher nicht überbrückte Kluft besteht. Anspruch und Gegenstand der Überlegungen beider Bereiche sind zu verschieden. Zunächst wäre zu klären, was „Erkenntnis“ denn nun sei und welche Grenzen der Erkennbarkeit dem Menschen grundsätzlich gesetzt sind. Schon die Frage, ob denn das, was die moderne Physik dem staunenden Publikum offeriert, Erkenntnis im klassischen Sinne sei, ist kaum zu beantworten. Und dennoch wäre dies notwendig. Dabei sind „meta­physische Spekulationen“ auf der einen Seite genau so wenig hilfreich, wie Ignoranz auf der anderen. Dass erkenntnistheoretische Erwägungen gerade auch bei den Klassikern der Physik keine unwichtige Rolle spielten, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Die „wahren Philosophen“ jedoch begaben sich selten in die Niederungen der konkreten Einzelwissenschaft (von jener Zeit einmal abgesehen, als „Natur-Wissenschaft“ noch Bestandteil der „Natur-Philosophie“ war).

Die Naturwissenschaft, jedenfalls nach dem üblichen Verständnis, zunächst ist prinzipiell empirisch geprägt. Theoretische Durchdringung trägt grundsätzlich Ad-hoc-Charakter (dies gilt insbesondere für die moderne Physik). Fakten werden allenfalls in einen vorgegebenen Rahmen (Hier sei noch bemerkt, dass dieser „Rahmen“ schon recht betagt ist) eingefügt, ohne auch nur die Spur eines Gedankens darauf zu verschwenden, ob dies überhaupt der richtige Rahmen ist, weil es nur diesen einen gibt. Das Mosaik der naturwissenschaftlichen Erkenntnis muss innerhalb dieses Rahmens sich zwangsläufig „irgendwann“ zu einem weitgehend vollständigen Bild komplettieren lassen, andernfalls wäre Erkenntnis schlechthin unmöglich. Hier sind Naturwissenschaftler, und natürlich speziell die Physiker, zumindest „implizite Realisten“. Der Gegenstand der Physik ist ein ganz realer; und alles geht mit rechten Dingen zu. Dabei aber wird nicht beachtet, dass der gesellschaftlich-historische Erkenntnis-Prozess eine Eigendynamik entwickelt, die man kennen und respektieren sollte. Auf philosophischer Seite werden Grundsatzprobleme geklärt (oder auch nicht). Eine Rückkopplung auf den konkreten physikalischen Erkenntnisprozess ist selten erkennbar. Die Philosophie ist - sehr vereinfachend dargestellt - entweder nur interpretativ (analysiert den Ist-Zustand) oder „abgehoben“ (kümmert sich um - aus der etwas eingeengten Sicht des Naturwissenschaftlers - Scheinprobleme und “metaphysische Dinge“).  Nimmt man „meta-physisch“ wörtlich, so müsste die Philosophie - zumindestens partiell im Rahmen erkenntnistheoretischer Überlegungen - die Rolle einer Metatheorie übernehmen. In der Praxis ist dies meiner Auffassung nach kaum der Fall. Wenn hier von „Erkenntnistheoretischen Aspekten“ die Rede ist, so soll es vor allem um einige konkrete Belange des konkreten physikalischen Erkenntnisprozess gehen.

Die Physik als die grundlegendste Naturwissenschaft setzt Maßstäbe, geht es um die Problematik der Erkenntnistätigkeit. Die Geschichte der Physik kann als Beispiel der Entwicklung naturwissenschaftlicher Denkweisen angesehen werden, an dem sich Kontroversen bezüglich erkenntnistheoretischer Grundhaltungen und philosophischer „Ismen“ entfachten. Naturwissenschaftliche Denkweise“ heißt auch, alle Erscheinungen als Ergebnisse „natürlicher Ursachen“ zu erkennen. Wunder sind ausgeschlossen. Nun wird es schon schwerfallen, den Begriff des Wunders zu definieren. „Wunder“ sind Erscheinungen, die im Gegensatz zu den Naturgesetzen stehen. Da aber sich alles nach diesen Naturgesetzen zu richten hat (das ist Teil des ursprünglichen materialistischen Standpunktes), sind Ereignisse „der besonderen Art“ ausgeschlossen. Das Problem nur ist, welches sind die objektiven Naturgesetze? Ein Wunder ist ein „singuläres Ereigniss“. Tritt ein „Wunder“ nachweislich mindestens zweimal auf, so ist es keines mehr, da hier aufgrund der Reproduzierbarkeit auch eine Gesetzmäßigkeit verborgen sein muss, selbst dann, lässt sich diese Gesetzmäßigkeit nicht in jenes Bild einfügen, welches den aktuellen Erkenntnisstand repräsentiert.

Vereinfachend könnte folgende Darstellung die aktuelle Situation beschreiben:

Variante A

Prämisse

Die Welt ist prinzipiell erkennbar

Hier wäre zu klären, was es mit der „Welt“ auf sich habe. Es geht dabei nicht um die Tatsache eines möglichen „Erkenntnishorizontes“, außerhalb dessen jedwede Erkenntnisgewinnung illusorisch wird. Nur die Frage nach der sinnvollen Erkenntnistätigkeit innerhalb jenes Erkenntnishorizontes soll an dieser Stelle gestellt werden. Sind die Erkenntnisse über „die Welt“ wirklich schon adäquate (qualitativ richtige) Abbilder der Realität bzw. auf dem Weg dorthin? Die Frage nach einem „Jenseits dieser Welt“ ist nicht Gegenstand jetziger und nachfolgender Überlegungen. Ein solches „Jenseits“ wäre in diesem Sinne als ein „Jenseits des Erkenntnishorizontes“ zu interpretieren. Dies erscheint sinnvoll und schließt jegliche mystische Spekulation aus. Somit wird die Problematik der Erkenntnis in zwei Teilprobleme gegliedert. Zum einen handelt es sich um die metaphysische - und damit vom Standpunkt der Naturwissenschaft unentscheidbare - Frage nach der Existenz eines Erkenntnishorizontes (ein Mensch, der nicht an allzu großer Selbstüberschätzung leidet, könnte durchaus zu dem Schluss gelangen, dass ein solcher existiert), und zum anderen wird das Problem der Erkenntnistätigkeit diesseits des (hypothetischen?) Erkenntnishorizontes aufgeworfen. Und um letzteres geht es im Rahmen folgender Überlegungen. (Vom Standpunkt dieser Anmerkungen betrachtet, ist die Aussage „Die Welt ist prinzipiell erkennbar“ eine Tautologie.)

Conclusio

Der konkrete Erkenntnisprozess muss dem Wesen der Dinge beliebig nahe kommen. Jeder Zweifel daran widerspräche der Prämisse ist somit unzulässig.

Jetzt taucht natürlich das Problem auf, was wir denn mit dem „Wesen der Dinge“ meinen könnten. Auch hier kann man etwas bescheidener vorgehen. Ich nehme den Standpunkt ein, dass qualitativ wahre Aussagen irgendwie schon etwas mit diesem „Wesen“ zu tun haben. Quantitative Modelle können qualitativ völlig falsch sein, und dennoch sind diese möglicherweise in der Lage, quantitative Relationen (näherungsweise) richtig abzubilden.

Variante B

Prämisse

Der konkrete Erkenntnisprozess weist eine Reihe von Widersprüchen auf.

Conclusio

Die Welt ist prinzipiell nicht erkennbar.

Beide Auffassungen sind gleichermaßen einseitig und reflektieren jeweils nur einen Gesichtspunkt dieser Angelegenheit. Die Alternative zu diesen Haltungen könnte lauten:

Variante C

Prämisse

Die Welt ist prinzipiell erkennbar, doch der konkrete Erkenntnisprozess weist eine Reihe von Widersprüchen auf.

Conclusio

Es ist erforderlich, sich nicht nur mit dem Ziel, sondern ebenfalls mit dem Vorgang der Erkenntnisgewinnung selbst zu beschäftigen.

Je weiter beobachtbare Objekte sich der Alltagsanschauung entziehen, um so größer die Bereitschaft, sich mit Formalismen und logischen Ungereimtheiten abzufinden. Letztlich legt die Erfahrung eine erkenntnispessimistische Haltung nahe. Alles, was von der Alltagserfahrung „hinreichend weit entfernt“ ist entzieht sich dem „gesunden Menschenverstand“. Da der Bereich der Realität, der sich der Alltagserfahrung entzieht, weitaus größer ist, als der gemeinhin überschaubare, so liegt eine erkenntnis­pessimistische Grundhaltung auf der Hand. Es muss somit die Frage nach der Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit der Wissenschaft schlechthin gestellt werden. Betrachtet man Wissenschaft lediglich als Mittel zum Zweck, als Anleitung zum technischen Handeln, so hat diese Frage keine Bedeutung (Pragmatismus).

These 1: Die Welt ist prinzipiell erkennbar

  1. Die historische Entwicklung der Wissenschaften zeigt das immer weitergehende Verständnis für die Zusammenhänge in der Natur. Das Auftreten von Widersprüchen beweist nicht das Gegenteil, wenn man bedenkt, wie kurz die Zeit bisher war, die der Wissenschaft zur Verfügung stand. (Es handelt sich um die „ersten Versuche“.)
  2. Der Erkenntnisprozess ist ein nie abschließbarer Prozeß. Die Erkenntnis nähert sich asymptotisch der Wahrheit.
  3. Allein die Tatsache des möglichen Zweifels an der Erkenntnisfähigkeit beweist diese indirekt.

These 2: Die Welt ist prinzipiell nicht erkennbar

  1. Die historische Entwicklung der Wissenschaften zeigt das immer weitergehende Unverständnis für die objektiven Zusammenhänge in der Natur.
  2. Die Art und Weise, wie Widersprüche beseitigt werden, beweist dass Erkenntnis und Realität nicht zwangsläufig konvergieren.
  3. Der Erkenntnisprozess ist ein nie abschließbarer Prozess. dass die Erkenntnis sich der Wahrheit nähert, ist eine Wunschvorstellung. Es gibt in Wirklichkeit keinen echten konkreten Hinweis auf die Richtigkeit dieser Annahme.
  4. Erkenntnisoptimismus ist ein Zeichen von Realitätsferne und Selbstüberschätzung.

Dies ist nun absolut nicht neu. Das Anliegen dieser Darstellung ist nur, zu zeigen, auf welche Schwerpunkte eingegangen werden wird. Es sollen somit, das sei wiederholt, an dieser Stelle keine erkenntnistheoretischen Grundprobleme erörtert werden.

Hier und im folgenden wird eine erkenntnisoptimistische Grundhaltung vorausgesetzt. Die Welt (innerhalb des Erkenntnishorizontes) ist prinzipiell erkennbar. Es wäre „nur“ zu klären, wie aus der potentiellen Erkennbarkeit aktuelle Erkenntnis wird und welches die objektiven Kriterien der Bewertung des Erkenntnisstandes sind. Die Frage nach der Existenz eines grundsätzlichen Erkenntnishorizontes bleibt unbeantwortet. Gegenstand der hier skizzierten Überlegungen sollen die Probleme der Erkenntnistätigkeit „diesseits des Erkenntnishorizontes“ sein.

Einige wichtige Gesichtspunkte des Erkenntnisprozesses seien nochmals genannt:

  1. Die historische Determiniertheit des Erkenntnisprozesses: Ist die Annäherung der Erkenntnis an das Wissen über das Wesen der Dinge als ein konvergenter iterativer Prozess zu deuten?
  2. Die Materialisation von Abstraktionen (Hypostasierungen): Modelle und (Ab-)Bilder wurden und werden selbst zu objektiven Gegebenheiten (dies wurde besonders bei der Analyse der Begriffe Raum, Zeit und Kraft deutlich).
  3. Verschiebung der Fragestellungen und auch der Problemlösungen auf eine Abstraktionsebene, die nur noch formale Beschreibungen zulässt. Das führt zum prinzipiellen Verzicht auf Anschaulichkeit, und zur dominierenden Rolle der Mathematik bzw. abstrakter Modelle usw.

Erkenntnis Vorbemerk. Erk.-Prozess

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