Pygmalion-Effekt
- Objektbezogene und relationale Begriffe -

© 1998 - 2009 Wolfgang Neundorf
Stand:12.04.2009

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Einige Widersprüche bekommt man dadurch vielleicht in den Griff, wenn man zwischen objektbezogenen Begriffen (diese Begriffe bezeichnen materielle Gegenstände bzw. Klassen von Gegenständen) und relationalen Begriffen (jene drücken Beziehungen und/oder Prädikate aus) streng unterscheidet. Erst wenn Relationen und Prädikate zu Objekten werden, handeln wir uns Probleme ein.

    Inhalt

  1. Abbilder und Begriffe
  2. Das Objekt Zeit
  3. Die Ursache Kraft
  4. Der objektive Raum
  5. Objektbezogene und relationale Begriffe

Relationen und Attribute werden oft als selbständige Entitäten behandelt. Die hier getroffene (noch oberflächliche) Systematisierung ist eigentlich ganz elementar und leicht nachvollziehbar. Aber wen interessiert dies schon... ?

 

 

Pygmalion-Effekt - Objektbezogene und relationale Begriffe

 

Die bisher aufgezeigten Beispiele und Analogien mögen recht nützlich sein, dienen sie doch zur Veranschaulichung, ansonsten nur sehr abstrakt darstellbarer, Zusammenhänge. Doch werden wir jetzt - auf begrifflicher Ebene - klären, was ein Stuhl und die Zeit nicht gemeinsam haben. (Das war uns hoffentlich in diesem Text gelungen.) Dennoch möchte ich es noch etwas allgemeiner und geringfügig „wissenschaftlicher“ formulieren. Der Begriff „Stuhl“ beschreibt ein Objekt bzw. eine Klasse von Objekten mit bestimmten Eigenschaften. Welche das sind, setzen ich als bekannt voraus. Der Zeitbegriff jedoch bildet objektiv reale Beziehungen ab zwischen Prozessen objektiv realer Systeme.

Darauf kommt es an: Wir müssen unterscheiden zwischen „objektbezogenen“ und „relationalen“ Begriffen. Problematisch wird es, werden relationale Begriffskonstruktionen selbst als Abbilder realer Objekte betrachtet. Diese Fehlerquelle bezeichnete ich in diesem Text als „Materialisation von Abstraktionen“. Die Konfusion also beginnt dann, werden Relationen zu Objekten! Objektbezogene Begriffe sind allgemein bekannt. Wir brauchen sicherlich keine weiteren aufzuzählen. Mit einigen der relationalen Begriffe befassten wir uns sehr ausführlich. Fassen wir trotzdem - unter Beachtung der gerade formulierten Aussagen - einige Zusammenhänge wiederholenderweise zusammen:

  1. Der Zeitbegriff bildet auf allgemeine Weise die Relationen materieller Objekte und Prozesse ab, die mit Veränderung, Wiederholung und Nichtumkehrbarkeit beschrieben worden sind. Diese Beziehungen wurden - und werden! - de facto zum „realen Objekt Zeit“ materialisiert.
  2. Der Raumbegriff dient der Darstellung der räumlichen Beziehungen materieller Objekte („Massepunkte“). Er aber wurde zur selbständigen Entität.
  3. Mit „Wechselwirkung“ drücken wir aus, dass kein Objekt ohne ein anderes existiert. Irgendwie hängt alles zusammen. Nichts gibt es, was sich diesem „allumfassenden Zusammenhang“ entziehen kann. Aus einer Form dieser Beziehungen wurden - ich ging mehrfach darauf ein - die Felder als reale materielle Wesenheiten.

(Diese Aufzählung ließe sich fortsetzen. Ich verzichte darauf.) Dann aber haben wir noch den „objektiven Zufall“. Der „Zufall“ beschreibt ein Ereignis, welches eben „zufällig“ eintritt und nicht „vorherbestimmt“ ist oder voraussagbar. Auch dieser Begriff beschreibt Beziehungen und keine Objekte. Und eigenartiger Weise blieb der Begriff das was er war: ein relationaler. Er wurde nicht zum gleichberechtigten Widersacher der Zeit, nicht bestrebt, die durch den gesetzmäßigen zeitlichen Ablauf der Prozesse gegebene Ordnung zu zerstören, weil er als gleichberechtigtes - aber antagonistisches - „Objekt Zufall“ neben dem „Objekt Zeit“ existiert. Niemand stellte die Frage, welche Eigenschaften der Zufall eigentlich habe. Der Zufall ist Eigenschaft, eine Eigenschaft realer Prozesse. Gefragt höchstens wird danach, wieso es eigentlich zufällige Ereignisse gibt, wieso die objektiv-realen Prozesse nicht vollständig determiniert seien. (Dies ist ein sehr interessantes Thema, welches nochmals aufgegriffen werden sollte.)

Was lernen wir daraus? - Wir haben uns mit drei Arten von Begriffen herumzuschlagen:

  • Zum ersten sind es die objektbezogenen Begriffe als Abbilder realer materieller Gegebenheiten. (Auch hier ist zu beachten, wie bereits bemerkt, dass Begriffe erst über das Subjekt ihre objektbezogene Bedeutung erlangen, und damit zum Ab-Bild werden.)
  • Dann haben wir noch als zweite Kategorie die relationalen Begriffe kennengelernt, welche sich in zwei Untergruppen spalten lässt:
    • Die eine Sorte von Relationen wird selbst zum Objekt und
    • die andere bleibt das, was sie war, Ausdruck von Beziehungen der eigentlichen Objekte untereinander.

Aus sprachlicher Sicht ist die Tatsache interessant, dass einige der analysierten Begriffe mit substantivierten Adjektiven verbunden sind. Wenn ein Gegenstand warm (Prädikat) ist, so ist die Wärme (Objekt, vormals Wärmestoff) daran schuld. Läuft ein Prozess in der und der zeitlichen Reihenfolge (Relation) ab, so haben wir es mit der Zeit (Objekt) zu schaffen. Aus ganz bestimmten räumlichen Anordnungen und Beziehungen (Relation) wird der Raum (Objekt), ohne den es scheinbar nicht geht. (Hiermit wird keine Aussage über die Entstehung der Begriffe getroffen.)

Prädikate und Relationen werden zu Gegenständen.

Die Relevanz der mit dieser Angelegenheit im Zusammenhang stehenden Probleme besteht in der Schwierigkeit, sich mit irrelevanten Fragen herumschlagen zu müssen. Wie also lautete eine bereits an anderer Stelle sinngemäß gestellt Frage? „Welche Eigenschaften hat die Zeit?“
Die Zeit hat keine Eigenschaften, sie ist Eigenschaft; sie repräsentiert eine Gruppe von Eigenschaften der sich verändernden Materie, welche im subjektiven Zeitbegriff ihre - vom allgemeinen Geschehen herausgelöste - abstrahierende Reflexion findet.
Der Zeitbegriff ist Ausdruck bestimmter Seiten der objektiv-realen Verhältnisse, aber nur und ausschließlich, aus unserer ganz besonderen Sicht, geprägt von ganz bestimmten Beziehungen, in welche wir hineingeboren wurden. (Mit einigen dieser „ganz bestimmen Beziehungen“ beschäftigten wir uns bereits. Andere Beziehungen werden noch Gegenstand weiterer Überlegungen sein.) Um zu zeigen, dass die hier dargelegten Gedanken alles andere als besonders neu einzustufen sind, wollen wir bei Mach nachlesen (E. Mach, Erkenntnis und Irrtum, Leipzig 1926, Nachdruck: Darmstadt 1991, S. 141 ff.):

Ernst Mach

Ernst Mach17. Wenn auch Begriffe keine bloßen Worte sind, sondern ihre Wurzeln in den Tatsachen haben, muss man sich doch hüten, Begriffe und Tatsachen für gleichwertig zu halten, dieselben miteinander zu verwechseln. Aus solchen Verwechslungen gehen ebenso schwere Irrtümer hervor, wie aus jenen der anschaulichen Vorstellungen mit Sinnesempfindungen, ja die ersteren sind viel allgemeiner schädlich. Die Vorstellung ist ein Gebilde, an welchem die Bedürfnisse des Einzelmenschen wesentlich mit gebaut haben, während die Begriffe, von den intellektuellen Bedürfnissen der Gesamtmenschheit beeinflusst, das Gepräge der Kultur ihrer Zeit tragen. ... 18. J. B. Stallo hat in ausführlicher Darstellung und in anderer Form, unabhängig, im wesentlichen mit dem unmittelbar zuvor Gesagten übereinstimmende Gedanken dargelegt.*

    *Fußnote Mach: J.B.Stallo, The Concepts and Theories of modern Physics. 1882 - Deutsch unter dem Titel: Die Begriffe und Theorien der modernen Physik. Herausgegeben von H. Kleinpeter, mit einem Vorwort von E.Mach. Leipzig 1901. ...

Stallos Ausführungen lassen sich kurz zusammenfassen in folgenden Sätzen: 1. Das Denken beschäftigt sich nicht mit den Dingen, wie sie an sich sind, sondern mit unseren Gedankenvorstellung (Begriffen) von denselben. 2. Gegenstände sind uns lediglich durch ihre Beziehungen zu anderen Gegenständen bekannt. Die Relativität ist also ein notwendiges Prädikat der Gegenstände der (begrifflichen) Erkenntnis. 3. Ein besonderer Denkakt schließt niemals die Gesamtheit aller erkennbaren Eigenschaften eines Objektes in sich, sondern nur die zu einer besonderen Klasse gehörigen Beziehungen. - Aus der Nichtbeachtung dieser Sätze gehen, wie Stallo weiter ausführt, mehrere sehr verbreitete, natürliche, so zu sagen in unserer geistigen Organisation begründete Irrtümer hervor. Als solche werden aufgezählt: 1. Jeder Begriff ist das Gegenstück einer unterscheidbaren Realität; es gibt so viele Dinge, als es Begriffe gibt.

    Dies ist im wesentlichen Thema dieses Textes.

2. Die allgemeineren oder umfassenderen Begriffe und die ihnen entsprechenden Realitäten sind früher da, als die weniger allgemeinen; die letzteren Begriffe und Realitäten bilden oder entwickeln sich aus den ersteren durch Hinzufügen von Merkmalen. 3. Die Aufeinanderfolge der Entstehung der Begriffe ist identisch mit der Aufeinanderfolge der Entstehung der Dinge. 4. Die Dinge existieren unabhängig von ihren Beziehungen.

    Auch dieses Thema könnte noch interessant werden.

In der Entgegensetzung von Materie und Bewegung, Masse und Kraft als besondere Realitäten sieht Stallo den ersten der bezeichneten Irrtümer, in der Hinzufügung der Bewegung zur trägen Materie den zweiten. Betrachtet man aber das starre Atom als das ursprünglich Existierende, aus dem alles abzuleiten ist, so unterliegt man der dritten der bezeichneten Täuschungen. Die Eigenschaften der Gase sind in der Tat viel einfacher als jene der Flüssigkeiten und starren Körper, ... Als Beispiele des vierten Fehlers behandelt Stallo die Hypostasierung von Raum und Zeit, wie sie namentlich in Newtons Lehre von dem absoluten Raum und der absoluten Zeit sich offenbart.

Ich werde diese Aussagen nicht im einzelnen diskutieren, zumal wesentliche Seiten dieser “uralten Erkenntnisse” Gegenstand meiner bisherigen Ausführungen waren. Und auch die Einordnung in bestehende philosophische Systeme soll nicht unsere Aufgabe sein. Leider ist es so, dass man irgendwelche Aussagen dieser Art gern einem philosophische „Ismus“ zuordnet. Für denjenigen, der sich nicht vordergründig und ausschließlich mit diesen Dingen befasst, wäre dies nach meiner Auffassung eher verwirrend denn hilfreich. Wir beschäftigen uns mit konkreten Problemen der Physik. Und dabei bleiben wir auch. Und gerade bei einem solchen Vorhaben, ist es immer wieder interessant, sich mit Aussagen eines Ernst Mach auseinanderzusetzen.

Es sei dem Leser überlassen, Gemeinsamkeiten und auch Differenzen zu erkennen, wobei weniger die Übereinstimmung oder Divergenz im Detail, als vielmehr bestimmte kritische Grundhaltungen interessieren sollten, die, wie ich zeigen konnte, erstens nicht neu und zweitens durchaus wichtig für die Beurteilung des aktuellen Erkenntnisstandes in der Physik sind. Noch bemerkenswerter allerdings ist die Tatsache, dass erkenntnistheoretische Überlegungen der genannten Art in der Physik noch nie eine wirklich bedeutende Rolle gespielt haben.

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