Pygmalioneffekt
- Das Objekt Zeit -

© 1998 - 2009 Wolfgang Neundorf
Stand:12.04.2009

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Die Handhabung des Zeitbegriffes in der Physik hat sich, ungeachtet der unterschiedlichsten philosophischen Erkenntnisse, prinzipiell seit Newton nicht gewandelt. Auch die sog. Relativierung der Zeit im Rahmen der Einsteinschen Theorien zum Beispiel täuscht nicht darüber hinweg, dass sie de facto nach wie vor als absolutes und selbständiges Objekt angesehen wird.

    Inhalt

  1. Abbilder und Begriffe
  2. Das Objekt Zeit
  3. Die Ursache Kraft
  4. Der objektive Raum
  5. Objektbezogene und relationale Begriffe

Der Zeitbegriff ist das Musterbeispiel eines Begriffes, der anscheinend ein eigenständiges “Objekt” mit eigenständigen Eigenschaften bezeichnet. Und viel Mühe und “Gehirnschmalz” wird z. B. darauf verschwendet, welche Eigenschaften die Zeit nun habe.

 

 

Pygmalion-Effekt - Das Objekt Zeit

 

Ein weiteres Zitat aus bereits mehrfach zitierten philosophischen Wörterbuch:

Zeit

Gegenpol: --> Raum, höchste Abstraktion des (Vor- und) Nacheinander von Ereignissen. Der Begriff Zeit widerspiegelt die formal quantitative Seite des Nacheinanders, im Unterschied zu dem der Veränderung, der die inhaltlich qualitative Seite darstellt... Die u.a. bei --> Newton auftretende Frage, ob die Zeit absolut ist, d.h. auch „vergeht“, wenn nichts da ist, was sich verändern könnte, ist eine Folge der hohen Abstraktionsstufe und der sprachlichen Formulierung: Zeit ist ein sehr selbständiger Begriff; dieser scheint daher auf einen ebenso selbständigen Gegenstand zu verweisen. Betrachtet man die Z. noch etwas konkreter als Nacheinander, so wird zweifelhaft, ob das unabhängig von Ereignissen sein kann, die sich einander als Vorher-Nachher zuordnen lassen. L. Caroll lässt in seiner Geschichte „Alice im Wunderland“ eine stark lächelnde Katze auftreten, die ganz allmählich, Stück für Stück, verschwindet. Zuletzt bleibt nur das Lächeln zurück.

Als erstes Beispiel also behandeln wir die Zeit. Und hier genau taucht das Problem auf, diesen Begriff nicht mehr als etwas der Realität „direkt Entnommenes“ begreifen zu dürfen, wie es beim Stuhl noch angebracht erscheint. Auch der Zeitbegriff ist in einem individuellen Vorgang (Lernprozess des Kindes im individuellen, historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Kontext) entstanden sowie in einem historisch und gesellschaftlichen Erkenntnisprozess „verfeinert“ worden.

    An dieser Stelle klammere ich die Ebene aus, auf der man damit sich befassen müsste, wieso dies überhaupt möglich ist. Dabei kämen wir zu dem biologischen Evolutionsprozess, als dessen Ergebnis wir selbst hervorgegangen sind und der damit jene Voraussetzungen schuf, für genau jene Dinge, mit denen wir uns hier beschäftigen.

Der Zeitbegriff ist gleichermaßen Abbild real vorgegebener Relationen, aber nicht dergestalt, dass er das abstrakte aber lineare Abbild eines Objektes namens „Zeit“ ist. Der Materialist (Realist) hingegen argumentiert:

  1. Begriffe sind homomorphe Abbilder realer Dinge.
  2. Es gibt den Zeitbegriff.

Aus (1.) und (2.) folgt die Existenz der objektiv realen Zeit mit objektiven und realen Eigenschaften.

Der Begriff der Homomorphie bedarf vielleicht einer Erläuterung. Eine Menge M2 ist dann ein homomorphes Abbild der Menge M1, wenn in M2 bestimmte (nicht alle) Elemente abgebildet werden und die Beziehungen der Elemente in M2 mit denen in M1 identisch sind. andererseits finden umgekehrt nicht alle Elemente in M2 nebst Relationen ihre Entsprechung in M1.
Konkret: Das subjektive Abbild „Zeitbegriff“ besitzt unter anderem die Eigenschaft einer ausgezeichneten Richtung: Vergangenheit --> Gegenwart --> Zukunft. Dies ist triviale Erfahrung. Daraus folgt die korrespondierende Eigenschaft der „objektiven Zeit“: Die objektive Zeit besitzt die Eigenschaft, nicht umkehrbar zu sein. Und weil dies so ist, weil die angeblich objektive Zeit diese Eigenschaft aufzuweisen hat, darum auch besitzt das subjektive Abbild diese gleiche Eigenschaft. Eine Eigenschaft des „Objektes Zeit“ findet sich als Abbild wieder im Zeitbegriff.

Dabei ist alles viel einfacher. Viele Prozesse in der Realität sind nicht umkehrbar. Nicht, weil es die Zeit „gibt“ mit der genannten Eigenschaft, gibt es irreversible Prozesse, sondern weil irreversible Prozesse wesentlich das objektiv reale Geschehen weitgehend bestimmen (warum das so ist, wird noch zu klären sein), erscheint die subjektive Zeit als unumkehrbar. (Diese Aussage ist alles andere als wirklich neu.) Im Grunde ist dies kein philosophisches Thema. Die verschiedensten Standpunkte sind Bestandteil dieser oder jener philosophischen Strömung. Geklärt ist dieses Problem allemal. So oder so.

Was aber nicht als geklärt gelten kann, ist die Handhabung der Zeit als physikalische Größe. Diese physikalische Zeit nach wie vor ist die Realität, von der alle Prozesse abhängen!!

Die Zeit, als hochgradige Abstraktion, wird selbst zum materiellen Objekt.

Hier wird eine Abstraktion „materialisiert“. Ein „Strichmännchen“ wird zum selbständigen Leben erweckt. Im übertragenen Sinne ist der Zeitbegriff einem Strichmännchen vergleichbar, was die Vereinfachung und die Abstraktion betrifft. Der Zeitbegriff bildet bestimmte Seiten objektiv und real gegebener Vorgänge ab und ist Ausdruck der Veränderung aller Dinge.

Drei Aspekte sind Bestandteil des Zeitbegriffes:

  1. Veränderung
  2. Irreversibilität
  3. Periodizität.

Nicht alle drei Beziehungen kommen in allen Erscheinungen „gleichzeitig“ vor; aber alle Erscheinungen weisen mindestens eines dieser Merkmale auf. Dabei steht „Veränderung“ stets an erster Stelle. Ist das Strichmännchen (M2) ein, wenngleich primitives, so doch homomorphes Abbild des Menschen (M1)? - Diese Frage hatten wir bereits beantwortet. „Zum Abbild wird ein Bild erst im Kopf des Betrachters...“. Dies heißt doch nichts anderes, als dass das Strichmännchen gewissermaßen die „assoziative Adresse“ bereitstellt unter der die eigentliche Information - das subjektive Abbild des Menschen - im Hirn des Betrachters aufgerufen wird. (Dies gilt für alle Zeichen - im weitesten Sinne des Wortes - und damit auch für die Sprache.) Und dieses Abbild ist geprägt von den persönlichen Erfahrungen jenes Betrachters und somit ganz individueller Natur. Und dieses individuelle Abbild ist alles andere als homomorph und objektiv. Es bildet mehr ab als eine Klasse von Objekten mit der Bezeichnung „Mensch“, nämlich auch alles, was dem Betrachter in seinem bisherigen Leben widerfuhr und in welchen Beziehungen das Objekt Mensch zum „Rest der Welt“ und zu ihm selbst steht. Nur insofern die genannten Erfahrungen unterschiedlicher Personen weitgehend deckungsgleich sind, kommt es auch zur Übereinstimmung in der Bedeutung von Begriffen. Dies ist - ich erwähnte es - im Bereich der Alltagswelt meist gegeben. Ansonsten sind Missverständnisse unvermeidlich.

    Das vielleicht ist ein Grund dafür, dass die verschiedenen Sprachen - bei allen auch vorhandenen Gemeinsamkeiten - nicht eindeutig aufeinander abbildbar sind. Dies gilt um so mehr, je stärker die kulturellen, sozialen sowie geographischen Hintergründe der Völker sich voneinander unterscheiden sind. Das eigentliche Problem: Wie sind die Gemeinsamkeiten entstanden? - Nicht unser Problem.

dass der Mensch aber gern etwas seinen Vorstellungen entsprechendes in der Realität vorfinden will und sie deshalb nach seinem Bilde formen möchte, ist eine Eigenheit, die nicht nur dem Professor Higgins zueigen ist, welcher aus Eliza einen „Menschen formen“ möchte - einen Menschen jedoch, wie er ihn begreift. So werden subjektive Bilder - als lineare Reflexionen der Realität begriffen - auf jene „zurückgeworfen“.

Damit entlarvt der orthodoxe, einseitig auf die Spitze getriebene, Materialismus (oder der naive Realismus) sich als besonders „hinterlistige“, weil nicht auf den ersten Blick erkennbare, Form des Idealismus!

    Es wird dunkel. Wir werden müde. Wir schlafen. Wir wachen auf. Es wird hell. Wir haben Hunger. Wir essen. Wir sehen und hören. Wir fühlen und riechen und schmecken. Wir merken und vergessen. Wir nehmen wahr. Wir lernen. Wir schauen auf die Uhr und beeilen uns. Wir gehen zur Arbeit. Wir bewegen uns. Wir fahren mit dem Auto oder laufen.
    Nichts bleibt, wie es war. Alles verändert sich. Wir verändern uns. Die Blätter verfärben sich und fallen von den Bäumen. Es fällt Schnee. Die Tage werden kürzer. Der Schnee taut. Die Tage werden länger. Die Bäume werden grün. Alles wiederholt sich. Nicht alles, nur vieles. Die Zeiger der Uhr rotieren - langsam. Die Tage vergehen, die Wochen, die Monate, die Jahre... Wir werden älter. Nichts hält sie auf: die ZEIT! Vergangenes kehrt nie zurück.

Lesen (oder hören) wir das Wort „Zeit“, so ist mit dem Entziffern dieser Zeichenfolge etwas verbunden. Assoziationen vielleicht löst dies aus, die irgendwie zu schaffen haben mit gerade formulierter Aufzählung, zu tun haben mit Eigenschaften wie Veränderung, Wiederholung und Unumkehrbarkeit.

Der Zeitbegriff abstrahiert von der unendlichen Vielfalt realer Prozesse. Es wird soviel von der Realität entfernt, bis jene drei Dinge (als Eigenschaften der sich verändernden Materie) übrigbleiben: Veränderung, Unumkehrbarkeit und Wiederholung. Das Bild bestimmter Seiten der Realität in Gestalt des Zeitbegriffes ist abgemagert bis auf das Gerippe eines Strichmännchens: Kopf, Rumpf, Gliedmaßen.Welchen Sinn dann aber hat der Zeitbegriff? - Ganz einfach: Die Zeit als quantitativ messbare Größe gibt uns die Möglichkeit, unterschiedliche Prozesse zu vergleichen und zu koordinieren. Um dies aber zu können, bedarf es bestimmter Geräte zur Zeitmessung, welche „Uhren“ genannt werden. (Und um jene Messung der Zeit unter anderem geht es in einem andern Textabschnitt.)

Die Zeit als quantitatives Maß spielt in der Physik eine entscheidende Rolle. Die Frage, wie qualitativ unterschiedliche und voneinander unabhängige Vorgänge überhaupt vergleichbar sein können, ist dabei die wirklich wichtige und entscheidende Frage, die uns noch sehr beschäftigen wird. Um die Eigenschaften der realen Prozesse dabei geht es. Und einen Teil dieser Eigenschaften finden wir wieder im Zeitbegriff. Da wir gern der Wirklichkeit Sachen aufdrängen, die in uns existieren, werden diese Eigenschaften einem imaginären Objekt zugeordnet. Und dieses angebliche Objekt heißt „Zeit“.

„Die Zeit“ ist eines der mystischen Elemente des Denkens überhaupt und damit eine der recht weitreichenden Mystifikationen der Realität - auch in der Wissenschaft!

„Die Zeit“ (für sich) ist genau so „real“ wie „das Gute“, „das Böse“, „die Liebe“, „der Tod“ usw. Dabei sind interessanterweise die Materialisationen in Form der Personifizierungen auch dieser Dinge Bestandteil verschiedenster Mythologien und Religionen. Eine Abstraktion wird materialisiert“. Ein Strichmännchen beginnt zu leben.

    Hier wird in der Philosophie von „Hypostasierungen“ gesprochen, bei der bestimmten Gedanken eine Realität lediglich zugesprochen wird, die ihnen jedoch objektiv nicht zukommt. Ich bleibe, schon um verwirrenden Begriffskollisionen aus dem Weg zu gehen, bei dem möglicherweise anschaulicheren „materialisierten Abstraktionen“. Auch der Universalienstreit kann in diesem Zusammenhang genannt werden.

Schon der alltägliche Umgang mit dem Zeitbegriff macht uns auf das Problem, um das es die „ganze Zeit“ geht, aufmerksam. Schon die Aussage „Ich habe keine Zeit“ weist auf ein handhabbares selbständiges Objekt mit der Bezeichnung „Zeit“ hin. Natürlich ist solche Handhabung nicht die Quelle für schwerwiegende Probleme. Diese Probleme aber zeichnen sich ab, verlässt man die Alltagswelt und versucht, etwas tiefer in die Zusammenhänge der Natur einzudringen. Dies nun ist nicht die Aufgabe des „schlichten Menschen von der Straße“, sondern eher die des Wissenschaftlers. Und an vorderster Front versucht der Physiker sein Glück, der aber, und zwar unabhängig möglicher verbaler Bekundungen, die Zeit genau so handhabt wie „Otto Normalverbraucher“ dies praktiziert. Die Zeit ist verantwortlich: für die Veränderung überhaupt und dafür, dass es periodische Prozesse gibt und schließlich auch für die Tatsache der Existenz irreversibler Vorgänge. So gesehen, ist es wahrhaft vergebliche Liebesmüh, herausfinden zu wollen, welche Eigenschaften die objektive Zeit in Wirklichkeit hat.

Haben wir - als ein wichtiges Beispiel für die „Materialisation einer Abstraktion“ - uns etwas mit dem Zeitbegriff auseinandergesetzt, so wissen wir jetzt, was die Zeit nicht ist. Doch die Physik kommt ohne diese wichtige Grundgröße nicht aus. Wie also finden wir den Weg von der philosophisch erkenntnistheoretischen Einschätzung zur konkreten physikalischen Zeit? - Diese Zeit führt (s.o.) in der Physik ihr eigenes eigenständiges Eigenleben (dies ist wörtlich gemeint), unbeeindruckt von philosophischen „Ismen“. Aber auch der jetzige Stand der Überlegungen müsste zu denken geben. An anderer Stelle wurde die Physik gekennzeichnet durch folgende Formulierung, ich wiederhole:

Das grundlegende Verständnis von der Physik ist charakterisiert durch das Nebeneinander von Raum, Zeit, Materie, Bewegung und Wechselwirkung (als Ausdruck von Eigenschaften der Objekte) sowie das Nebeneinander von vier - zunächst voneinander unabhängigen - Wechselwirkungsformen. Alle Wechselwirkungen sind von der Anlage her statischer Natur.

Die erkenntnistheoretische Sackgasse der Physik können wir in einem Punkt konkretisieren: Die Physik versucht auch die Eigenschaften der objektiven Zeit zu ergründen; und keiner merkt dabei, einem Phantom nachzujagen. Der Gedanke, dass dies ein Phantom (eine materialisierte Abstraktion) ist, wurde auch von einem Physiker bereits ausgesprochen, anders formuliert zwar, aber eindeutig. Und das vor über 100 Jahren. Lassen wir Ernst Mach zu Wort kommen (E. Mach, Die Mechanik in ihrer Entwicklung, Leipzig 1933, Nachdruck: Darmstadt 1991, S. 217):

Ernst Mach

Ernst MachWir sind ganz außerstande, die Veränderungen der Dinge an der Zeit zu messen. Die Zeit ist vielmehr eine Abstraktion, zu der wir durch die Veränderung der Dinge gelangen, weil wir auf kein bestimmtes Maß angewiesen sind, da eben alle untereinander zusammenhängen.

Auf diese Aussage kommen wir noch zurück. Solche, und noch weitergehende, Einsichten sind also nicht neu (nicht nur auf Ernst Mach bezogen). Folgende Textpassage dürfte recht aufschlussreich sein (Zitiert aus: R. Wahsner, Mensch und Kosmos - Die Copernicanische Wende, Textesammlung, Berlin 1978, S. 119 - Aristoteles).:

Aristoteles

AristotelesGleichzeitig ist klar, dass es außerhalb des Himmels auch keinen Ort und keine Zeit gibt Denn in jedem Ort kann ein Körper existieren; leer nennt man nämlich das, worin zwar kein Körper ist aber doch sein kann. Zeit ist ferner die Zahl der Bewegung, und Bewegung ist ohne natürlichen Körper nicht möglich.

Diese Sätze sind mehr als 2000 Jahre alt und entstammen einem - jedenfalls dem Namen nach - recht populären Autor: Aristoteles (384-322 v.Chr.). Jetzt müssten wir die Frage uns gefallen lassen, warum solche oder ähnliche Einsichten in der Physik bisher keine konkreten Auswirkungen zeitigten. Vielleicht war zu dem Zeitpunkt, als Mach solches formulierte, die Notwendigkeit einer weitgehenden Revision der Grundlagen der Physik nicht gegeben, weil anscheinend kein Anlass dazu bestand, oder irgendwelche „abgehobenen“ Ansichten für den Philosophen von Interesse sind, keineswegs jedoch für den bodenständigen Physiker. Mach war beides. Und trotz allem hatte auch dieser Umstand keine Konsequenzen konkreter Natur. Zu sehr Physiker war er - vielleicht. Es ist müßig, zu spekulieren. Wie dem auch sei, wir werden uns um die konkrete Beschäftigung mit dergleichen Fragen nicht drücken. Und diese konkrete Beschäftigung ist tatsächlich möglich - wie wir noch sehen werden.

Pygmalion-Effekt Abbilder Zeit Kraft Raum Begriffe

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