Wissenschaft und Kritik
- Physik: Weltformel -

© 1998 - 2018 Wolfgang Neundorf
Stand:07.04.2018

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Die einheitliche Theorie gilt noch immer als das Ziel physikalischer Forschung. Die Erfolge der Physik im 19. Jahr legten die Auffassung nahe, dass diese Ziel in gar nicht allzu weiter Ferne erreichbar ist. Betrachten wir jedoch die letzten 100 Jahre physikalischer Forschung, so drängt sich langsam die Frage auf, ob dieses vermeintliche Ziel nicht eher die Voraussetzung bildet für den wahren Erkenntnisfortschritt.

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Stephen Hawking

1980 habe ich gesagt, dass unsere Chancen 50 zu 50 stünden, bis Ende des Jahrhunderts eine solche allumfassende Theorie zu finden. Obwohl wir in den vergangenen 20 Jahren große Fortschritte gemacht haben, sind wir jedoch unserem Ziel offenbar bisher nicht näher gekommen. … Die 20 Jahre beginnen erst jetzt.


Stephen Hawking, Juli 1999

S.Hawking
geb. 1942

 

 

Wissenschaft und Kritik - Physik

 

Die Suche nach dem geistigen Band

11.03.2000

Wer will was Lebendig's erkennen und beschreiben,
sucht erst den Geist herauszutreiben,
dann hat er die Teile in seiner Hand,
fehlt leider! nur das geistige Band.
Goethe, aus Faust I


Im Jahr 1999 tauchte - schon wieder einmal - die Metapher von der Weltformel in der Presse auf. Der Anlass: Eine Tagung, die vom 19. bis 24. Juli 1999 in Potsdam stattfand. "Strings 99" hieß diese Veranstaltung, an der die internationale Prominenz der Stringtheoretiker (und auch andere Physiker) teilnahm. Der Gastgeber war das Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik. Wie auch immer man zu solch spektakulären Veranstaltungen stehen mag und man vielleicht nicht so recht weiß, wie man die neuesten Erkenntnisse auf diesem oder jenem Gebiet bewerten soll, so weckt die "Weltformel" eventuell einige Assoziationen. Vielleicht erscheint zunächst der Gedanke, dass es eine "einheitliche Welt" geben mag und dass die Wissenschaft - zumindest grundsätzlich - in der Lage sei, diese Einheit der Welt in einer einheitlichen Theorie erfassen zu können. Und nicht zuletzt weist der Begriff "Weltformel" auch darauf hin, dass eine "einheitliche Welttheorie" irgendwie etwas mit ihrer mathematischen Darstellung zu tun haben muss.

Die Physik ist - so wie wir sie heute kennen - etwa vierhundert Jahre alt. Und Bestrebungen, "die Welt" zu verstehen, gab es viel länger schon. Tatsache: Die "Weltformel" wurde in der Vergangenheit scheinbar mehrmals bereits "gefunden". Im 19. Jahrhundert galt die Physik als abgeschlossen. Nur ein paar Kleinigkeiten waren noch zu klären. Es kam jedoch ganz anders; die eigentlichen Probleme tauchten mit dem Jahrhundertwechsel auf. Werner Heisenberg gab in der Mitte des 20. Jahrhunderts seine berühmte Weltformel bekannt, die sich allerdings als Flop erwies. Auch Einstein bemühte sich jahrzehntelang vergebens um die Vereinigung von Gravitation und Elektrodynamik. Und im Bestreben, Quantenphysik und Gravitation in Einklang zu bringen ist man bislang gescheitert - fast ein ganzes Jahrhundert lang. Der zurzeit berühmteste Physiker auf unserem Planeten, Stephen Hawking äußerte sich auf eben dieser Tagung (BERLINER MORGENPOST, 22. Juli 1999):

1980 habe ich gesagt, dass unsere Chancen 50 zu 50 stünden, bis Ende des Jahrhunderts eine solche allumfassende Theorie zu finden. Obwohl wir in den vergangenen 20 Jahren große Fortschritte gemacht haben, sind wir jedoch unserem Ziel offenbar bisher nicht näher gekommen.

Hawking jedoch bleibt bei seiner Aussage - mit einer kleinen Korrektur:

Die 20 Jahre beginnen erst jetzt.

Vielleicht aber erst in hundert Jahren. Wer weiß das vorher? Die Erfolge bei der Suche nach dem "geistigen Band" sind nicht gerade sehr überzeugend. Grund genug, sich einige Gedanken zu machen. Diese Gedanken sollten sich nicht auf einzelne Aussagen einzelner Wissenschaften beziehen, sondern auf die Wissenschaften (speziell die Physik) selbst.

Nachtrag 15.03.2018: Gestern (14.03.) ist Hawking nach etwa 50jähriger schwerer Krankheit (ALS) leider verstorben. Die zweiten 20 Jahre sind somit fast verstrichen, aber an der Gesamtsituation hat sich immer noch nicht wirklich etwas geändert. Und auch in den nächsten 20 Jahren wird es keine echten Fortschritte geben. Zumindest solange nicht, wie der bisherige Weg der Erkenntnisgewinnung - und davon kann man ausgehen - nicht verlassen wird. Vielleicht werde ich dies noch erleben. Vielleicht, wahrscheinlich nicht! Doch die darauffolgenden 20 Jahre überschreiten mit Sicherheit meinen “Daseins-Horizont”. Meine Prognose: Auch in 40 Jahren wird man der einheitlichen physikalischen Theorie mit Sicherheit nicht einen Schritt nähergekommen sein. Wetten dass...? - Ach so, diese Wette ist völlig sinnlos, weil ich deren Ausgang ohnehin nicht mehr erleben werde.

 

 

 

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